Mit dem Wohnmobil durchs Baltikum – Estland Teil 2

Die Lesedauer für diesen Artikel beträgt ca. 13 Minuten

Trotz der sehr zentralen und somit etwas lauteren Lage unseres Übernachtungsplatzes am Hafen von Tallinn, haben wir tief geschlafen. Während die Touristen von den Kreuzfahrtschiffen in Scharen in Richtung Altstadt strömen, verlassen wir nach einem späten Frühstück das schöne Tallinn in Richtung Westküste, um auf die Insel Hiiumaa überzusetzen.

Unsere erste Station auf dem Weg ist der Keila-Wasserfall im Landkreis Harjumaa. Vom Parkplatz aus sind es nur wenige Minuten bis zum Wasserfall und hier steht auch eine Skulptur vom estnischen Bildhauer Mati Karmin, welche für Verliebte eine Art von Pilgerstätte geworden ist. Hier hängen Schlösser mit den Initialen nicht wie anderswo an einem Brückengeländer, sondern an einem riesigen Doppelherz am Fluss. Eine wirklich schöne Idee.

What3Words „Koordinaten“
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GPS-Koordinaten
59.3954979, 24.2945346
59°23.7299′N, 24°17.6721′E
59°23′43.7924″N, 24°17′40.3246″E

Tagebau von Rummu

Nach einem kleinen Spaziergang über den 3 km langen Keila-Joa-Naturlehrpfad, fahren wir weiter zum Tagebau von Rummu. Der Tagebau gehört zum ehemaligen Gefängnisses Murru und als hier nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Pumpen „abhandengekommen“ sind, stieg der Grundwasserspiegel unaufhörlich an und hat Teile der Anlage unter sich begraben und am Ende ist eine grünblaue Lagune entstanden.

Der Eintritt zur Lagune kostet faire 12 € und der Wasserpark geht mit 10 € für eine Stunde ebenfalls in Ordnung. Wer möchte, kann den See nicht nur mit Tretboot oder SUP von oben, sondern auch mit einem Tauchgang von unten erkunden. Hier verbrachten wir ein paar entspannte Stunden und sind dann noch auf eine Erkundungstour ins ehemalige Gefängnis Murru gegangen, welches direkt neben dem Tagebau bzw. der Lagune liegt.

Das verlassene Gefängnis Murru

Der Eintritt in die Gefängnisanlage kostet als Familie 17,00 € und man darf das Gelände auf eine Faust per Audioguide erkunden und sollte dafür mindestens 2 Stunden einplanen. Wenn man den Audioguide auf Deutsch nutzen möchte, benötigt man ein Smartphone mit Internetzugriff. Für die 18 Stationen wird nämlich eine YouTube-Playlist genutzt.

Es gibt keine großen Einschränkungen, was man hier besichtigen kann und was nicht. Ich sage mal so, der deutsche TÜV würde eine solche Anlage für Besucher eher nicht freigeben. Man sollte hier auf jeden Fall festes Schuhwerk anziehen und auch dann noch genau aufpassen, wo man hintritt und auch im Vorfeld überlegen, ob man wirklich jede Etage und jeden Raum betreten möchte. Löcher, oder aufgequollene Stellen im Boden sind hier nur ein Beispiel, aber das alles macht den Ort natürlich auch so besonders.

Murru wurde in den 1930er-Jahren von der sowjetischen Regierung errichtet und hier saßen fast zweitausend Häftlinge ein, darunter nicht nur Schwerverbrecher, sondern auch Obdachlose und zahlreiche Regime-Gegner. Das Gefängnis war für seine extremen Haft-Bedingungen berüchtigt. Die Insassen mussten in Sammelunterkünften, mit einer strikten und sehr harten Rangordnung, oder in winzigen Einzelzellen und teilweise ohne Tageslicht ausharren.

In den eisigen Wintern drohte hier auch der Kälte-Tod und jedes Jahr starben im Durchschnitt 30 Gefangene in Murru. Die Insassen mussten auch im benachbarten Steinbruch, in welchem sich jetzt die Lagune befindet, schwerste Zwangsarbeit leisten. Auf der Tour kann man, wie zuvor erwähnt, fast alle Gebäude, Etagen und Räume selbst erkunden und dadurch zumindest einen kleinen Eindruck davon bekommen, unter welchen harten Bedingungen, die rund 2000 Häftlingen hier eingesessen haben. Der Besuch des Gefängnisses ist absolut empfehlenswert.

Nach rund zwei Stunden waren wir wieder sehr froh in Freiheit bei unserem Camper zu sein und fuhren weiter bis nach Rohuküla zum Fähranleger nach Hiiumaa. Die Strecke beträgt knapp 100 Kilometer und ist gut asphaltiert und man kann ca. 1,5 Stunden Fahrtzeit rechnen.

What3Words „Koordinaten“
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GPS-Koordinaten
59.230474, 24.203982
59°13.8284′N, 24°12.2389′E
59°13′49.7064″N, 24°12′14.3352″E


Freistehen in Estland und die RMK Plätze

In allen drei baltischen Ländern ist das Übernachten außerhalb von Camping- und Stellplätzen oder auf privaten Grundstücken erlaubt. Jedoch nicht in geschlossener Ortschaften oder verständlicherweise direkt in den Nationalparks, wenn nicht ein Platz dafür ausgezeichnet wurde.

In Estland betreibt die staatliche Forstbehörde (RMK) viele kleine „Campingplätze„, welche man kostenlos nutzen darf. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um die klassische Version eines Campingplatzes mit passender Infrastruktur, die gibt es hier natürlich auch, werden aber von privaten Anbietern betrieben. Es gibt auf den RMK-Plätzen also weder Strom noch Wasser und eine Entsorgung der Chemie-Toilette in die Plumpsklos, ist natürlich ein absolutes No-Go. An der Stelle möchte ich nochmals den Anstoß geben, über den Wechsel zu einer Trockentrenntoilette nachzudenken (Fazitbericht).

Die RMK Plätze sind einfacher und eher für Camper mit Zelten gedacht, lassen sich aber mit einem rücksichtsvollem Verhalten gegenüber anderer und der Natur auch mit einem Wohnmobil nutzen. Sie liegen meistens direkt am Wasser und verfügen meistens über eine Hütte, Feuerstelle mit kostenlosem Holzvorrat und einem Plumpsklo. Hier sind traumhafte Sonnenuntergänge, herrliche Ruhe, umgeben von wunderschöner Natur inklusive.

Die RMK Plätze kann man sich bequem in der passenden App für Android oder iOS mit allen relevanten Informationen anzeigen lassen. Neben den Plätzen werden einem in der App auch zusätzliche Informationen zur Gegend, Wanderwege, Sehenswürdigkeiten, Geocaches uvm. angezeigt und der Inhalt ist auf Englisch verfügbar.

Tipp: Die Zufahrten sind oftmals recht schmal, einspurig und Äste können sehr tief hängen. Es empfiehlt sich daher, den Weg von der Straße bis zum eigentlichen Platz vorher ohne Auto zu prüfen. Auch wenn eine Zufahrt auf den ersten Blick grundsätzlich möglich ist, sollte, einer vorgehen und den Fahrer von draußen einweisen. Wir nutzen u.a. für solche Situationen zwei einfache Funkgeräte*, welche uns unnötige Verwechslungen und anschließende Streitereien vermeiden lassen. Um ein paar Äste vom Fahrzeug fernzuhalten, kann man auch die Kurbel einer Markise, oder ein Paddel vom SUP nutzen, wenn man nichts anderes dabeihat.


Auf die Insel Hiiumaa

Vom Festland fährt die Fähre nach Hiiumaa von Rohuküla aus zwischen 06:30 und 22:00 im 90-Minuten-Takt und die Überfahrt kostete uns knapp 30,00 EUR. Wer möchte, kann die Tickets bei der Rederei Praamid auch bequem online buchen, oder zumindest die Anzahl von freien Platzen checken. Es waren für die letzten beiden Fähren des Tages noch genügend freie Plätze vorhanden und so sind wir einfach losgefahren. Am Anleger angekommen, kaufen wir am Schalter die Tickets und nutzen die Wartezeit in der Schlange fürs Abendessen. Auf der Fähre kann man übrigens auch im Camper bleiben und pünktlich nach Fahrplan kamen wir 75 Minuten später auf Hiiumaa an.

Vom Anleger in Heltermaa auf Hiiumaa, sind wir zu einem RMK Stellplatz direkt am Meer gefahren. Nach einem kleinen Spaziergang, oder gar dem Versuch noch eine Runde draußen zu sitzen, mussten wir hier aber leider den Rückzug antreten. Den Kampf gegen die hier ansässigen gemeinen Stechmücken kann man leider nicht gewinnen und über die Wirkung von Mittelchen wie ANTI Brumm usw. scheinen die Viecher nur ein müdes Lächeln übrigzuhaben.

Der Leuchtturm Tahkuna & das Estonia Denkmal

Am nächsten Morgen sind wir nach dem Frühstück an den nördlichsten Punkt von Hiiumaa gefahren. Hier befindet sich in Hiiu, der 43 Meter hohe und 1873 erbaute Leuchtturm Tahkuna, welchen man gegen eine kleine Gebühr auch besichtigen kann. Von oben hat man einen schönen Blick über Teile der Insel.

Nördlich des Leuchtturms befindet sich direkt an der Ostsee ein Denkmal, welches an den Untergang der Fähre „Estonia“ am 28. September 1994 und um die ums Leben gekommenen Kinder erinnern soll. Die Totenglocke aus Bronze läutet bei sehr starkem Sturm von selbst und die Neigung des Monuments soll die letzten Momente des untergegangenen Schiffs in Erinnerung bringen. Auf der Bronzeglocke sind vier Kindergesichter zu sehen, welche dabei jeweils in jede der vier Himmelsrichtungen zeigen.

What3Words „Koordinaten“
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GPS-Koordinaten
59.085018, 22.591609
59°5.1011′N, 22°35.4965′E
59°5′6.0648″N, 22°35′29.7924″E

Alte Küstenbatterien

Kurz vor dem Leuchtturm liegen unweit der Straße verlassene 130-mm-Küstenbatterien aus dem Zweiten Weltkrieg, welche wir uns auf dem Rückweg angesehen haben. Die Anlage wurde 1941 gebaut und die Gebäude sind größtenteils gut erhalten. Neben den großen Geschützblöcken, sind u.a. auch Teile der Munitionsregale im Bunker erhalten geblieben, welche man in den Stellungen einfach so besichtigen kann. Festes Schuhwerk und die Mitnahme eine Taschenlampe ist hier sehr zu empfehlen.

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https://w3w.co/eingeleitete.städtisches.genaues

GPS-Koordinaten
59.077175, 22.594747
59°4.6305′N, 22°35.6848′E
59°4′37.8300″N, 22°35′41.0892″E

Der Eiffelturm von Hiiumaa

Vom Leuchtturm bzw. der Küstenbatterien aus ging die Reise weiter zu dem etwas skurrilen Ort Kogu-Pere-Seikluspark auf Hiiumaa. Auf dem Kaplimägi, befindet sich ein beeindruckender und über dreißig Meter hoher Nachbau vom Eiffelturm aus Treibholz sowie weiteren Baumaterialien aus der Gegend. Die Holzkonstruktion steht in einer Art von Adventure Park, welche vom estnischen Zimmermann Jaan Alliksoo betrieben und stetig weiterentwickelt wird.

Es gibt ein dunkles Labyrinth, durch das man irren kann, ein Piratenschiff, eine Wippe im See, ein kleines Museum von Anktiken Gerätschaften und viele weitere sehr skurrile Bauwerke zu entdecken.

Als Eintritt haben wir beim etwas murrigen Jaan 12 Euro am Eingang bezahlt und hatten viel Spaß im Park und können den nur empfehlen.

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https://w3w.co/minuten.nachteilen.synchron

GPS-Koordinaten
59.00911189999999, 22.4973725
59°0.5467′N, 22°29.8424′E
59°0′32.8028″N, 22°29′50.5410″E

Unser erster Traumplatz

Nach dem Park suchten wir uns einen schönen RMK-Stellplatz für die kommende Nacht und wurden an der Westküste bei Hirmuste fündig. Der schmale Weg bis zum Platz war für uns wegen der vielen sehr tief hängenden Äste schon eine Geduldsprobe. Hier ging es nur im Schneckentempo und mit Einweisen vorwärts. Trotz intensiver Bemühungen werden wir wohl den ein oder anderen feinen Kratzer als Andenken mit nach Hause nehmen. Dafür wurden wir aber mit einem wunderschönen Platz direkt am Meer und einem ebenfalls wunderschönen Sonnenuntergang belohnt. So kann die Reise (bis auf die Kartzer) durch das Baltikum für uns gerne weitergehen.

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https://w3w.co/abkürzungen.mitbewohner.eiablage

GPS-Koordinaten
58.9410852, 22.1315806
58°56.4651′N, 22°7.8948′E
58°56′27.9067″N, 22°7′53.6902″E

Die Stationen unserer Reise

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Mehr Informationen

Weiter geht es im nächsten Teil unserer Reise

1 Kommentar
  1. Thomas Wolf
    Thomas Wolf sagte:

    Gegen die wirklich übermächtige Mückenplage auf Hiiumaa hat uns wirklich das Mückenabwehr-Gerät von Thermacell überzeugt. Ohne diesem Mückenschutz war ein Aufenthalt im Freien nicht denkbar, alle Hausmittelchen haben versagt. Mit dem Gerät von Thermacell in der Tischvariante, war es dann ganz entspannt, man muss es dann ständig bei sich haben oder auf den Tisch stellen – Windstille vorausgesetzt.

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